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Ab wann ist man pervers?

Aktualisiert: 22. Jan.

Wir wollen es doch alle wissen: Bin ich noch normal oder ist das schon pervers? Die Antwort darauf ist leider nicht ganz so einfach, wie es man es sich wünschen würde. Mehr dazu im Text.

Der liebe Duden beschreibt den Begriff pervers als "unerhört, schlimm; absurd, höchst merkwürdig" oder "als widernatürlich empfunden". Besonders bei der letzten Beschreibung (wider-natürlich) wird deutlich, dass man sich da an gesellschaftlichen Normen orientiert: Etwas ist nicht "normal" oder auch nicht "natürlich". Ich möchte mit diesem Text solche Normen aufbrechen und hinterfragen, was sie für jede:n Einzelne:n bedeuten.



Was ist objektiv normal?

Wer bestimmt, wann etwas normal ist. Und gibt es so etwas wie "objektiv normal" überhaupt. Kann etwas, das Menschen als normal betiteln, überhaupt objektiv sein? Ich persönlich denke nicht.


Normen oder Normalität, wie auch die Idee von "natürlichem Verhalten" wird von Menschen bestimmt, damit ein Zusammenleben vereinfacht wird. Wir haben dadurch ähnliche Erwartungen, wenn wir zum Beispiel in die Arbeit gehen oder mit anderen Menschen interagieren.


"So und so verhält man sich. Pünktlichkeit bedeutet das und das. So begrüßt man freundlich, so unfreundlich." All das sind Regeln, an denen sich Menschen einer Gesellschaft orientieren sollten, um dazuzugehören.



Ok, und was ist das Problem daran?

Das Problem ist, dass es immer, wenn es etwas gibt, das als "normal" betitelt wird, es unweigerlich auch etwas geben wird, das mit "abnormal/anormal/nicht normal" betitelt wird. Und dann passiert "othering". Unter "othering" versteht man die Abgrenzung und Abwertung von Menschen, Dingen und Handlungen, die nicht der Norm bzw. der Wertewelt der eigenen Gruppe entsprechen.


Deswegen fühlt sich die Aussage "Du bist nicht normal" wie eine Beleidigung an.



Was hat das mit Sex zu tun?

Auch in Sachen Sex gibt es Normen bzw. ein normiertes Sexverhalten: die Vormachtstellung von Sex für Paare, die akzeptierte Anzahl von Sexpartnern, die standardisierte Rollenverteilung beim Sex, die routinierte Art der Gestaltung sexueller Begegnungen, die heteronormative und monogame Beziehungsform, die eingeschränkte Ausprägung von Vorlieben, usw.


Alles, was der gesellschaftlich-akzeptierten Norm nicht entspricht, wird dann als pervers abgestempelt:


"Was, du hast 3x am Tag Sex? Du bist ja pervers!"

"Was, du hast einen Fuß-Fetisch? Das ist pervers!"

"Wie du hast bereits mit 32 Männern geschlafen? Du bist pervers!"

"Wie du lässt dich gerne anpinkeln? Das ist ja sowas von pervers!"

"Was, du willst neben deinem Partner noch andere Sex-Partner haben? Das geht nicht, das ist pervers und wider der Natur."

"Das ist doch ein Scherz!? Du verkaufst getragene Unterwäsche? Das ist pervers!"

"Du nennst deinen Partner Daddy? Findest du das nicht pervers?"

*Hierbei handelt es sich nur um Beispiele und NICHT um meine Meinung.



Veränderung in Sicht?

Ja, es gibt Umbrüche. Ja, es gibt Entwicklungen in eine sexpositive und offene Richtung, in der die individuelle Auslebung der eigenen Sexualität frei gewählt werden kann. Aber: das geschieht meistens in "Bubbles", also Gruppen, die die selbe Meinung teilen. Wagt man den Blick raus aus der eigenen Bubble wird schnell klar, dass bei weitem noch nicht alle ihr Sexleben selbst bestimmen.


Oftmals werden dann diese einschränkenden gesellschaftlichen Normen gelebt, weil Angst vor dem Stempel "pervers" besteht. Und diese Angst ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass mit diesem Stempel auch ein Ausschluss aus der eigenen Gruppe möglich sein kann.


Auch heute werden Menschen noch aus Familien ausgestoßen, wenn sie bspw. ihre Homosexualität frei leben wollen oder sich einem anderen/keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Frauen werden ausgeschlossen, wenn sie vor der Ehe Sex haben - und teilweise ist Ausschluss in solchen Fällen das harmlosere Szenario.



Lasst uns das Wort "pervers" zurückerobern

Was wäre, wenn anders zu sein, etwas Gutes ist? Wenn es bedeuten würde, dass wir NICHT mit dem Strom schwimmen. Dass wir wissen, wer wir selbst sind und selbstständig bestimmen, wer wir sein möchten, WIE wir leben möchten und WIE wir Sex haben möchten.

Was, wenn wir der Bedeutung von pervers eine neue, offenere Bedeutung schenken?


Um die Definition vom Anfang des Textes wieder aufzugreifen:

  • "unerhört" bedeutet auch gleichzeitig enttabuisierend,

  • "schlimm" ist immer eine subjektive Interpretation und darf dich deswegen auch nicht interessieren,

  • "absurd" zeugt von Einfallsreichtum,

  • "höchst merkwürdig" beschreibt, dass die Meinung anderer weniger zählt als die eigene,

  • "als widernatürlich empfunden" basiert auf Normvorstellungen, die der eigenen Realität nicht entsprechen müssen.



Deine Aufgabe zum Schluss

Überlege, bei welchen deiner sexuellen Wünsche, Fantasien, Kinks oder Fetischen du das Gefühl hast, dass andere das als pervers abstempeln würden und bedanke dich bei deiner Vorliebe dafür, dass sie dich zu einer selbstbestimmten und einzigartigen Person macht.


Eine Person, die Teile von sich kennengelernt hat und sich selbst und die eigene Lust dadurch befreiter ausleben kann, als davor.


Eine Person, die den Wert darin erkennt, authentisch zu sein.


Danke dir.

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