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Was ist der Bodycount?

In Actionfilmen beschreibt der Bodycount, wie viele Menschen man schon umgebracht hat. In Sachen Sex ist die Lage etwas anders. Zum Glück. Alles, was es rund zum Bodycount zu wissen gibt, findest du im Beitrag.


Wenn du nach deinem Bodycount gefragt wird, möchte dein Gegenüber wissen, mit wie vielen Menschen du bisher Sex hattest. Das klingt im ersten Moment klar und einfach. Wagt man den Blick hinter die Fassade, wird schnell ersichtlich, wieviel da eigentlich mitschwingt und welche Ungereimtheiten sich dahinter verbergen.


 

Problem 1: Die Misogynie des Bodycounts

Online hört man Sprüche, die eine unterschiedliche Bewertung vom Bodycount bei Männern und Frauen beschreiben.


"Ein Fahrer, der mit vielen Autos fahren kann, ist ein guter Fahrer. Ein Auto, das viel befahren wurde, ist ein schlechtes Auto."


"Ein Schlüssel, der viele Schlösser öffnen kann, ist ein guter Schlüssel. Ein Schloss, das sich von vielen Schlüsseln öffnen lässt, ist ein schlechtes Schloss.


Diese Analogie, also der Vergleich, lässt es so darstellen, als würde der Wert einer Frau sinken, wenn sie mit vielen Personen Sex hatte. Zeitgleich steigt der Wert eines Mannes, wenn er viele sexuelle Erfahrungen mit unterschiedlichen Personen sammelt.


Das ist misogyn.



Was bedeutet Misogynie?

Oft werden die Begriffe Misogynie und Sexismus in einen Topf geschmissen. Da gibt es aber einen wichtigen Unterschied:


  • Sexismus ist die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Das kann sowohl gegen Frauen als auch Männer, oder auch gegen Menschen außerhalb des binären Geschlechtsverständnis, erfolgen.

  • Misogynie ist Diskriminierung und Verachtung, die spezifisch gegen Frauen gerichtet ist.



Misogynie auf unterschiedlichen Ebenen

Misogynie kann auf mehreren Ebenen passieren: der individuellen und der strukturellen.


Ein Beispiel zu individueller Misogynie:


Simone wird im Buro häufig belächelt und ignoriert. Ihre männlichen Kollegen glauben nicht, dass sie kompetent genug ist, um ihren Ideen wirklich Gehör zu schenken. Simone erlebt es nicht selten, dass ihre Ideen dann, wenn sie von einem Kollegen präsentiert werden, Zuspruch finden.


Das ist ein klassisches Beispiel für Misogynie am Arbeitsplatz und betrifft in diesem Beispiel das Individuum Simone. Zur Info: diese Geschichte entstammt einem Gespräch, das ich letzte Woche erst hatte.


Auf einer strukturellen Ebene kann Misogynie etwas anders aussehen.

Ein Beispiel dazu:


Frauen müssen "rein" sein; im Gegensatz zu "beschmutzt". Ihr Wert sinkt, wenn sie ihren Körper (vielen) Männern zugänglich machen. Ihre eigenen Werte, Überzeugungen und Beweggründe sind nicht entscheidend. Frauen wird von außen ein Wert zugeschrieben.


Der Bodycount ist also ein Werkzeug für Misogynie. Die Diskriminierung passiert auf einer Ebene, die über den Individuen steht. Es sind daher Gesellschaftsstrukturen betroffen, die diese Werte reproduzieren.



Problem 2: Was ist Sex?

Ein Problemchen, mit dem ich als Sex-Coach regelmäßig konfrontiert bin, ist, dass Sex als solches oft mangelhaft definiert ist. Also Sex itself... die Tätigkeit des sexen.


Warum ist das wichtig?


Naja, der Bodycount zählt jene Menschen, mit denen wir Sex hatten. Da macht es schon Sinn, die Definition von Sex an sich zu hinterfragen.


Umgangssprachlich wird Sex nämlich meistens erst ab der Penetration so bezeichnet. Das heißt es "zählt" erst, wenn ein Penis in eine Vagina eindringt. Das alleine gibt dem Penis sehr viel Bedeutung und Macht.


In meinem Coaching unterstütze ich meine Klientinnen dabei, diese Definition zu öffnen und Sex als mehr zu begreifen. Denn auch Lecken, Fingern, ein Blowjob, eine sinnliche Massage, inniges Küssen sind Sex. Plötzlich wird der Alltag als Spielfläche für Sex wahrgenommen und man begegnet Sex mit weniger Druck und mehr Leichtigkeit. Das ist besonders wichtig für Frauen, die unter einen geringen Libido leiden.


Als alternativen Begriff für die bisherige Definition von Sex schlagen meine Kolleg:innen und ich den Begriff des Geschlechtsverkehrs vor. Hier meine Eselsbrücke dazu: Geschlechtsverkehr ist, wenn Geschlechter verkehren. Also Penis und Vulva/Vagina. I know, das ist ein Top-Spruch.


Beim Bodycount wird Sex meistens mit Penetration gleichgesetzt. Oder? Das kann man eigentlich nicht wissen. Da müsste man schon jede einzelne Person fragen, die je etwas dazu gesagt hat. Deswegen verlangt es nach einer einheitlichen-sexologisch korrekten Definition. Und meine Annahme ist, dass bei korrekter Definition der Bodycount bei vielen um einiges höher liegt, als bisher angenommen.



Problem 3: Der Wert des Vergleichens

Aus der Idee des Bodycount bzw. der ungleichen Beurteilung davon könnte man schließen, dass Frauen idealerweise keine Erfahrungen machen sollen. Warum könnte das sein?


Meine Hypothese lautet: Männer wollen nicht mit anderen Männern verglichen zu werden.


Aus meiner Arbeit bei Best Lover, einem Online Sex-Coaching für Männer weiß ich, dass viele Männer sehr unter Leistungs- und Erwartungsdruck im Sex leiden. Der Gedanken, nicht performen zu können bzw. nicht so performen zu können, wie andere Männer vor ihnen, wirkt lähmend und führt (zumindest bei den Teilnehmer von Best Lover) zu sexuellen Problemen. Darunter zählen Erektionsprobleme, Orgasmushemmung, Lustlosigkeit, die Flucht in die Welt des Pornos, Anhängigkeit von Potenzmittel aber auch vorzeitiger Samenerguss. Das bedeutet, auch Männer haben es nicht leicht. Sex kann für alle ein komplexes Unterfangen sein.


Aus dieser Logik heraus (und auch wirklich nur aus dieser Logik heraus) ist es auch nachvollziehbar, dass eine Frau mit wenigen oder sogar keinen Erfahrungen einfacher zu handhaben ist. Immerhin kann man(n) derjenige sein, der sie zu allem introduced.


Nichtdestotrotz geht die Rechnung nicht auf. Wenn viele Männer viel herumvögeln wollen/sollen, dann werden automatisch auch viele Frauen herumvögeln. Sonst hat ja niemand jemanden zum vögeln?! (Und ja, ich spreche hier nur von heterosexuellen Männern)


Außerdem suchen Männer ja auch nach Frauen, die sie sexuell befriedigen können. Sprich: die gute Blowjobs geben, wissen, wie frau reitet, wie der Penis angefasst werden kann, ... Da sind dann Erfahrungswerte dann doch wieder gut, i guess?


Es ist verzwickt.



Trotz allem: Ich mag meinen Bodycount

Zum Schluss möchte ich einen positiven Take zum Bodycount geben.


Häufig wird der Bodycount von außen, also von jemand anderes bewertet. Was, wenn wir selbst einen Blick auf unseren werfen. Denn wenn man die Anzahl der Sexualpartner:innen für sich selbst eruiert, also bestimmt, dann kann man darin sehr viel über sich selbst lernen.


Mein Bodycount ist Teil meiner Geschichte und ich bin sehr froh, dass ich Erkenntnisse aus verschiedenen Erlebnissen ziehen kann. Ich bin mir selbst und meiner Lust näher gekommen, ich habe mich ausprobiert und ich weiß, was mir bei meinem Partner wichtig ist.



Abschließende Worte

Sex ist ein Bedürfnis, das wir idealerweise in unseren (körperlichen) Beziehung befriedigen können. Aber Sex kann von Mensch zu Mensch so dermaßen unterschiedlich sein. Da ist es doch schön, wenn wir uns selbst durch Erfahrungen kennenlernen.


Und nein, natürlich muss man keinen hohen Bodycount haben, um zu wissen, was man will. Schaden tut es aber definitiv nicht. ;)


Sollte ich, deiner Meinung nach, einen wichtigen Aspekt in Bezug zu Bodycount vergessen haben, schreib ihn bitte in die Kommentare. Ich freu mich sehr darüber, weitere Perspektiven zum Thema zu hören. Außerdem kannst du dadurch auch anderen Leser:innen dein Wissens schenken. #stayrespectful



Abschließende Übung

Geh deine Geschichte durch.


Halte fest, welche Menschen, dich auf deinem bisherigen sexuellen Weg begleitet haben und welche Erkenntnisse du aus den Erlebnissen ziehen konntest.


Womöglich waren nicht alle Situationen schön, manche vielleicht sogar schmerzhaft und einige haben Narben hinterlassen. Wieder andere haben dich gestärkt und sind farbenfrohe Abschnitte in deiner Geschichte.


Umarme deine Geschichte. Sie ist ein Teil von dir. Nicht umsonst schreiben Menschen Biografien. So ein Leben, mit allen Erfahrungen ist schon verdammt spannend.

Hmmm... vielleicht wird's Zeit für ein neues Genre: Sex-Biografien.


Disclaimer: Falls du an dieser Stelle merkst, dass es Punkte in deiner Geschichte gibt, die dich bis heute noch sehr belasten, achte auf dich und suche dir bei Bedarf eine Person, mit dem du darüber sprechen kannst. Auch schmerzhafte Erinnerungen müssen dich nicht dein Leben lang beeinflussen.





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